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20.11.2017


Pressemeldungen

 

17.11.2013 - Volkstrauertag - Rede des Fraktionsvorsitzenden Udo Schönfelder


Sehr geehrter Herr Pfarrer Klaus Weigand,
sehr geehrte Fahnenabordnungen und Vertreter der Buckenhofener Vereine,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst ich danke ich Ihnen namens der Stadt und in Vertretung unseres Oberbürgermeisters für Ihr Kommen, insbesondere auch denen, die die Gestaltung der heutigen Gedenkveranstaltung unterstützen: Kirchenchor, Musikverein, Fahnenabordnungen.

Der Monat November ist der sogenannte Trauer- oder Totenmonat. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag sind Gedenktage, an denen sich viele Menschen an Verstorbene erinnern.

So erinnern wir uns am Volkstrauertag an die Opfer von Krieg und Gewalt in der Vergangenheit und Gegenwart.

Erinnern ist wichtig. Das Innehalten, das Gedenken. Denn, die Ursachen für Gewalt, für Krieg sind noch lange nicht verschwunden. „Fünf große Feinde des Friedens wohnen in uns: nämlich Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz. Wenn diese Feinde vertrieben werden könnten, würden wir zweifellos ewigen Frieden genießen.“
Diese Sätze stammen aus dem 14. Jahrhundert von Francesco Petrarca.

Die Aufzählung der Feinde des Friedens stimmen noch heute.

Dennoch sei es erlaubt heute hier zu fragen:
Wer von den unter Fünfzigjährigen kann mit dem Begriff Volkstrauertag noch etwas anfangen?
Wer von den unter Dreißigjährigen beschäftigt sich mit dem Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege?

Bedenken wir: Diejenigen, die von Krieg, Vertreibung, Hunger und Tod erzählen können, werden immer weniger. Mit dem Tod unserer Großeltern und Eltern verschwindet die letzte Generation, die Krieg und Faschismus noch erlebt haben.

Ist der Volkstrauertag also heute ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert? Ist er als Gedenktag noch zeitgemäß?

Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten in Zeiten einer sich immer schneller drehenden und damit oberflächlicher werdenden, teilweise und zunehmend auch virtuellen Welt.

Einerseits ist der Volkstrauertag seit 1952 in Deutschland ein staatlicher Gedenktag, der an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen erinnert.
Andererseits ist vielen Menschen der Sinn dieses Gedenktags überhaupt nicht mehr klar.

Wie viele und welche Menschen interessieren sich dafür?
In welcher Generation ist das Bewusstsein für geschichtliche Kenntnis und daraus resultierendes heutiges Engagement für Stabilität und Frieden noch vorhanden?

Wenn wir es nicht schaffen, junge Menschen für die Bearbeitung und Bewältigung geschichtlicher Fragen zu gewinnen, ihnen das, was Menschen Menschen in den beiden Weltkriegen angetan haben und was Menschen Menschen auch heute noch antun, nahe zu bringen, wird das Erinnern daran versinken im geschichtlichen Strom der Kriege und Machtkämpfe der Menschheit.

Sicherlich tragen wir Nachkriegsgenerationen keine Schuld für die Verbrechen der Kriege und Barbarei auch bereits im Vorfeld. Aber wir tragen Verantwortung, dass sich diese menschenverachtenden und scheußlichen Verbrechen nicht wiederholen.

Das friedliche Miteinander in Europa – Jahrzehnte undenkbar – ist für uns und unsere Kinder zur Selbstverständlichkeit geworden. Die heute Mitte Fünfzigjährigen sind die erste Generation, die in einem dauerhaften und stabilen Frieden in Europa aufwachsen konnte.

Doch es muss und wird nicht so bleiben, wenn wir unseren Kindern kein geschichtliches Bewusstsein mitgeben. Wenn wir es nicht schaffen millionenfaches Leid anhand menschlicher Schicksale begreifbar zu machen. Wenn wir es nicht schaffen, unseren Kindern das Mitfühlen und Mitdenken zu vermitteln, dann ist es langfristig wohl ein Einfaches, das Gewissen der Halbwissenden zu manipulieren, was gerade aus den Reihen von Extremisten vorder- oder hintergründig stets versucht wird. Durch Schüren von Hass gegenüber anderen, gegenüber Ausländern, Behinderten oder Homosexuellen.

Wie friedlich bleibt unsere Welt, wenn die Konsum-Insel Europa umgeben ist von Kriegsherden, die handfeste wirtschaftliche und Macht-Interessen verfolgen oder religiös motiviert sind? Schauen wir beispielsweise auch auf die Verfolgung koptischer Christen in Ägypten!

Umso dringlicher ist es, neue Formen zur Bewältigung und auch zur präventiven Verhinderung weltweiter Konflikte zu finden. Das beginnt bei unserem eigenen Konsumverhalten und endet nicht bei der Diskussion um den Einsatz von Militär in anderen Ländern. Diese Diskussionen müssen wir führen, dem Pro und Contra müssen wir uns stellen in dem tiefen Wissen, dass Frieden eben keine Selbstverständlichkeit ist, er ist ein Segen und die Folge von Akzeptanz, Kompromissbereitschaft und Werteorientierung.

Eines aber können wir aus allen Konflikten und Krisen der Vergangenheit und Gegenwart schlussfolgern: Gewalt erzeugt immer Gegengewalt und kann keine Lösung sein.

Achten wir bitte auch darauf, dass hetzerische Wirtshausparolen nicht auf fruchtbaren Boden gelangen. Protektionismus und Nationalismus stehen volkswirtschaftlichen Zusammenhängen und eben dem Frieden in Europa gegenüber.

In diesem Zusammenhang sind unsere kommunalen Partnerschaften wertvolle Bindeglieder, die Vergangenheit zu bewältigen und vereint für ein Europa in Sicherheit zu wirken. Ich danke ausdrücklich allen, die sich hier einbringen und Miteinander und Freundschaft wachsen lassen.

Das heutige Gedenken verstehe ich als Chance einmal aus dem Alltag herauszuschauen und sich zu fragen: Wie groß sind meine Sorgen im Vergleich zum Leid, das unsere Vorfahren anderen zugefügt haben oder das ihnen zugefügt wurde? Nie wieder darf so etwas geschehen, sagen wir uns dann. Und wenn daraus die Kraft wächst, für ein friedliches Miteinander auch etwas zu tun – und das kann jeder einzelne von uns – dann können wir den Frieden in diesem Land, in unseren Nachbarländern, in Europa erhalten und vielleicht ausweiten auf andere Erdteile.

Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz - als Urheber für Krieg und Gewalt sehen wir sie täglich in unseren Nachrichten, aber auch, wenn wir an die NSU-Morde denken, bei uns, einige gerade einmal 30 km südlich.

Wir dürfen von unserer Demokratie keine Wunder erwarten oder gar verlangen. Sie bleibt mit Schwächen und Unvollkommenheit behaftet, und es wird immer auch Streit geben. Gleichwohl haben wir Deutschen angesichts unserer katastrophenreichen jüngeren Geschichte allen Grund, mit Zähigkeit an unserer Demokratie und an unserem sozialen Rechtsstaat festzuhalten, sie immer wieder zu erneuern, ihren Feinden – ob von rechtsextremistischer, linksextremistischer, angeblich religiöser oder anderweitiger Seite - immer wieder tapfer entgegenzutreten.

Wir haben also auch in unserem Land einen riesigen Berg von Aufgaben zu bewältigen, um das friedliche Miteinander, ja unsere Demokratie zu sichern. Jeder einzelne ist eingeladen und aufgefordert, dies zu unterstützen, in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Kommune, am Arbeitsplatz im Verein oder anderswo: Bleiben wir aufmerksam für Sorgen und Nöte Hilfsbedürftiger und leben wir Zivilcourage.

Herzlichen Dank!

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